Aktive und passive Sterbehilfe

Der eigentliche Eigentümer von Leib und Seele ist laut dem islamischen Glauben Gott, während der Mensch nur der Besitzer dieser beiden ist. Dies wird z.B. aus folgendem Koranvers ersichtlich: „Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.“ (Sure 6/162) Selbst der Todeswunsch wird im Krankheitsfall in einem Ausspruch des Propheten Muhammad untersagt: „Wünscht euch nicht den Tod herbei, auch wenn es euch sehr schlecht geht, sondern sagt im äußersten Fall: ,O Gott, lass mich weiterhin leben, solange das Leben besser für mich ist, und lass mich sterben, wenn der Tod besser für mich ist!’

Aus diesem Menschenbild folgt, dass der Mensch sein Leben selbst nicht beenden darf. Somit findet der Selbstmord im islamischen Glauben keine Legitimationsgrundlage.

Basierend auf den oben genannten Grundgedanken des Korans hinsichtlich Leben und Tod und der Prophetenaussprüche wird aktive Sterbehilfe oft als Selbstmord bzw. Mord angesehen und kategorisch abgelehnt. Eine ähnliche Homogenität lässt sich jedoch bei der Beurteilung der passiven Sterbehilfe nicht feststellen. Hier sollen nun einige Positionen zur passiven Sterbehilfe skizziert werden:

Die erste Position spricht von einer Therapiepflicht am Lebensende auch in medizinisch aussichtslosen Fällen. Diese Position bestreitet in rechtlicher Hinsicht den Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe, weil nämlich beide die Intention haben, das menschliche Leben zu beenden. Denn in der islamischen Ethik hat die Intention eine zentrale Bedeutung, die im folgenden Prophetenausspruch so zum Ausdruck gebracht wird: „Die Handlungen (der Menschen) richten sich nach der Intention.

Diese Position lehnt auch die schriftlichen oder mündlichen Willensäußerungen des Muslims in einem gesunden Zustand über die lebensverlängernden Maßnahmen am Lebensende ab. Auch die Familie des Betroffenen hat nach ihr eine begrenzte Einflussnahme auf diese Entscheidungen.

Die zweite Position spricht nicht von Therapiepflicht am Lebensende, sondern erklärt die Zustimmung zu den lebenserhaltenden medizinischen Maßnahmen als empfehlenswert. Diese Position unterstreicht die nicht garantierbare Exaktheit der medizinischen Aussagen und das Wunder am Lebensende, welches mit einem islamischen Glauben nicht auszuschließen ist.

Die dritte Position erklärt die lebenserhaltenden medizinischen Maßnahmen weder als Pflicht noch als empfehlenswert, sondern stellt sie frei. Diese Position sieht in den lebensverlängernden Maßnahmen in medizinisch aussichtlosen Situationen keinen Nutzen für den Betroffenen. Sie lehnt jedoch auch eine intensive Therapie nicht ab. Vielmehr sollen die Wünsche des Patienten bzw. der Familie handlungsleitend sein. Nicht zuletzt wegen der knappen Ressourcen, aber auch wegen dem Selbstbestimmungsverständnis, das bei den Muslimen stärker wird, findet diese Position immer mehr Zustimmung in den muslimischen und nicht muslimischen Ländern.

Passive Sterbehilfe bedeutet nach den Befürwortern dieser Position: „Jemandem erlauben zu sterben “ durch Verzicht auf lebenserhaltende medizinische Maßnahmen. Dies kann unter bestimmten Bedingungen islamrechtlich legitimiert werden. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch die Einwilligung des Patienten bzw. der Familie und die Klarstellung, dass die medizinischen Maßnahmen nur der Verschiebung des Todeseintritts dienen und nicht der Heilung.

Solange die lebenserhaltenden Maßnahmen nur die Verschiebung des Todeseintritts bedeuten, sind die Entscheidungen des Patienten, die nach einer medizinischen Aufklärung und in einem kompetenten Zustand getroffen werden sollen, handlungsleitend. Liegt so ein Wunsch des Patienten nicht vor, so kann die Familie des Patienten diese Entscheidungen treffen.

Obwohl die Befürworter der ersten Position vor Schmerztherapie, die die Lebenserwartung am Lebensende verkürzen kann, warnen, betrachten die Befürworter der dritten Position diese Art von medizinischen Maßnahmen als unproblematisch, solange dahinter nicht die Intention, den Patienten zu töten, vorhanden ist.

Man muss an dieser Stelle betonen, dass in vielen muslimischen Ländern aufgrund der knappen Ressourcen diese Entscheidungen nicht immer in idealen Zuständen getroffen werden können. Es muss oft abgewogen werden, zwischen einer Intensivtherapie nach einer Operation, die dem Patienten sehr hohe Überlebungschancen bietet und einer Intensivtherapie, die nur zur Lebensverlängerung dient und keinen Beitrag zur Heilung leistet. Zugegebenermaßen ist eine Abwägung und Entscheidung unter diesen Umständen auch aus muslimischer Sicht sehr komplex und problematisch.

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