Entscheidungen am Lebensende

Der Glaube an das Jenseits, an die Auferstehung nach dem Tod sowie an das Jüngste Gericht gehört zu den wesentlichen Glaubenssätzen des Islam. Diese Glaubensprinzipien können bei einem Muslim als Begründung für die Durchführung oder Unterlassung einer medizinischen Handlung am Lebensende dienen. Denn dieses Bewusstsein von einer Zugehörigkeit zu zwei Welten kann dann die Einstellung zum Tod und die mit Sterben verbundenen Rituale bzw. medizinischen Maßnahmen am Lebensende beeinflussen.

Die koranischen Aussagen über die Unveränderbarkeit der Todeszeit wie z. B.: „Und niemand kann sterben außer mit der Erlaubnis Gottes gemäß einer Schrift mit festgelegter Frist.“ (Sure 3/145) und die individuelle Auffassung von Tod bieten eine wichtige Grundlage für eine Einstellung zu den medizinischen Maßnahmen am Lebensende. Wenn der Tod nach gängigen medizinischen Kriterien unmittelbar bevorsteht und der Sterbeprozess als eine Brücke zum Jenseits, das für die Gläubigen eine bessere Wohnstätte ist (vgl. Sure 6/32), gedeutet wird, so scheint es nicht sinnvoll zu sein, den Tod um jeden Preis zu verschieben. Stellen die Rezitation des islamischen Glaubenssatzes, des Koran oder das Abschiednehmen bzw. die Regelung von Familienangelegenheiten für den betroffenen Muslim Präferenzen dar (vgl. Sterbebegleitung), so können die medizinischen lebensverlängernden Maßnahmen als dem Patientenwohl widersprechend interpretiert werden. Denn diese erwünschten Praktiken machen einen gewissen Zustand von Bewusstsein erforderlich.

Die Ablehnung der lebensverlängernden Maßnahmen darf jedoch nicht als eine absolute fatalistische Einstellung interpretiert werden, die von der Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten scharf kritisiert worden ist. Eine fatalistische Entscheidung liegt nur dann vor, wenn der muslimische Patient eine Therapie, die unzweifelbare Erfolgschancen hat, mit der Begründung ablehnt: „Meine Heilung liegt in Gotteshand. Es ist nicht entscheidend, ob ich die Therapie annehme oder nicht. Wenn Gott will, kann er mich auch ohne diese Therapie heilen.“ Eine solche Haltung wird von vielen Gelehrten abgelehnt. Das lange Leben um guter Taten willen kann jedoch eine andere Einstellung zu den medizinischen Interventionen am Lebensende prägen. In der Medizin kann nicht immer mit absoluter Sicherheit über Erfolg oder Nutzlosigkeit einer Therapie gesprochen werden. Ebenso ist es schwer mit Sicherheit zu sagen, ob eine Therapie nicht zur Remission oder Lebensverlängerung – wenn auch mit geringer Lebensqualität – führen kann. Wenn diese Tatsache mit der koranischen Aussage, dass außer Gott niemand die Todeszeit mit Sicherheit wissen kann und Gott durchaus in der Lage ist, den Menschen auch in hoffnungslosen Situationen zu heilen, verknüpft wird, kann daraus eine positive Einstellung zu den medizinischen Maßnahmen am Lebensende entstehen. Ebenfalls kann einer Intensivtherapie selbst mit niedriger Erfolgschance zugestimmt werden. Aus dieser Perspektive ist auch zu Krebstherapien ein anderer Annäherungsversuch denkbar. Viele Krebstherapien können das Leben in unterschiedlicher Lebensqualität verlängern, ohne sie jedoch zu heilen. Auch die geringere Lebensqualität infolge einer Chemotherapie kann mit den oben genannten Präferenzen das Patientenwohl fördern, so dass ihr zugestimmt werden kann.

Am Lebensende kann sich die Religiosität des muslimischen Patienten intensivieren, so dass die islamischen Grundpflichten für ihn eine außerordentliche Bedeutung bekommen können. Bei einer infausten Prognose kann der Wunsch nach einer Pilgerfahrt nach Mekka oder Fasten im Fastenmonat eine andere Priorität haben als bei einer harmlosen Krankheit. Auch wenn im Koran explizit betont wird, dass Kranke nicht fasten müssen, hängt die Aussagekraft dieser Erlaubnis vom Gebrauch des einzelnen Individuums ab.

Nützliche Links
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Was ist nach dem Tod eines Muslims wichtig?
Müssen kranke Muslime im Ramadan fasten?
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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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