Stellvertretende Entscheidungen am Lebensende und Patientenverfügung

Das Lebensende stellt eine besondere Lebensphase dar, wo kulturell-religiöse Werthaltungen und -vorstellungen für die Entscheidungen über medizinische Maßnahmen essentielle Bedeutung haben. Durch die rasanten Entwicklungen im Bereich intensivmedizinischer Versorgung ist das menschliche Lebensende wie nie zuvor technologisch gestaltbar. So hat sich ergeben, dass diese Maßnahmen nicht mehr zur Heilung der Krankheit, sondern vorrangig zur Verschiebung des Todeszeitpunktes dienen. Weil die medizinisch sinnvollen Interventionen in solchen Situationen oft zwiespältig sind, erlangen die Patientenpräferenzen und -wünsche eine besondere Bedeutung. Leider sind die Patienten aufgrund ihres Gesundheitszustandes oft nicht in der Lage, selbst zu entscheiden bzw. ihre Präferenzen zu äußern.

Aufgrund der kulturell-religiösen Unterschiede fühlen sich Ärzte und das Pflegeteam in solchen Situationen im Rahmen der intensiv- und palliativ-medizinischen Versorgung der Muslime oft überfordert. Demographische Veränderungen zeigen, dass die kulturspezifischen Probleme am Lebensende mit ihren ethischen Dimensionen im Laufe der Zeit steigen werden. Zwar sind im Bereich Altersversorgung einige wissenschaftliche Studien und Projekte im Gange; sie sind jedoch sehr fern von einem ausreichenden Zustand. Ein ethisch vertretbarer Umgang mit diesen kulturbedingten Problemen erfordert kontextspezifische kultursensible Konzeptentwicklungen.

In deutschen Krankhäusern werden die Familienangehörigen eines nicht entscheidungsfähigen muslimischen Patienten von Ärzten über medizinische Maßnahmen aufgeklärt und in bestimmten Situationen konsultiert. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass solche Fragen über Behandlungsentscheidungen oft von Familienangehörigen als: „Was wünschen sie sich für ihren Vater oder ihre Mutter?“ verstanden werden. Diese Situation ist in der Türkei sehr geläufig und hat auch in der medizinischen Praxis eine gewisse Gültigkeit gefunden. Die ethischen und juristischen Grundlagen, die solchen Situationen zugrunde liegen, sind jedoch in Deutschland anders. Danach hat die Familie kein Mitbestimmungsrecht auf die durchzuführenden medizinischen Maßnahmen. Vielmehr geht es um die Ermittlung des mutmaßlichen Willens des nicht entscheidungsfähigen Patienten. Diese Situation ist für die in Deutschland lebenden Muslime entweder unbekannt oder nicht hinnehmbar. Selbst die Vermittlung dieser Sachlage erfordert eine kultursensible Kommunikation zwischen den an einem Konflikt beteiligten Parteien.

Eine weitere Problematik in der Praxis ist die Bedeutung der familiären Autoritätsstrukturen für die medizinischen Entscheidungen. Wie soll das medizinische Team reagieren, wenn familiäre Entscheidungen unter kulturbedingten Autoritätsstrukturen (z. B. die Entscheidungsmacht des ältesten Sohnes) stattfinden? Soll diese Situation als kulturelle Wirklichkeit akzeptiert oder von vornherein abgelehnt werden?

Aufgrund dieser Schwierigkeiten erlangt eine für eine wertplurale Gesellschaft kultursensibel aufbereitete und an Muslimen gerichtete Patientenverfügung für die medizinische Praxis eine zentrale Bedeutung. Das Vorhandensein einer Patientenverfügung und Leitlinien dafür würden dem medizinischen Team in den Entscheidungsschwierigkeiten weiterhelfen. Außerdem würden sie bei den Muslimen eine rechtzeitige verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit Entscheidungsoptionen nach ihrem Wert- und Weltbild ermöglichen.

Die Anwendung einer Patientenverfügung ist auch mit dem islamischen Menschenbild vereinbar. Denn die eigenverantwortlichen Entscheidungen des Betroffenen in allen Lebensbereichen – auch in medizinischen Behandlungen – haben nach dem islamischen Glauben eine große Bedeutung. Die durchgeführten oder vorbehaltenen medizinischen Interventionen, wie z. B. im Rahmen einer passiven Sterbehilfe, soll der betroffene Muslim mit seinem Gewissen vertreten können. Diese individuelle Entscheidungsmöglichkeit erlangt im Kontext des islamischen Jenseitsglaubens eine große Wichtigkeit. Danach wird der Muslim im Jenseits gegenüber Gott Rechenschaft über seine Entscheidungen und Taten ablegen müssen.

Da bei der Anwendung einer kulturspezifischen Patientenverfügung für muslimische Patienten sowohl medizinische als auch theologische Komponenten wichtig sind, ist deswegen in diesen Bereichen eine umfangreiche Aufklärung nötig. Die sorgfältig aufbereiteten Informationsbroschüren und didaktisch gut vorbereitete öffentliche Informationsveranstaltungen können in diesem Bereich den ersten Beitrag leisten.

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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
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