Religiöse Ratgebung (Fatwa) und Patientenentscheidung

Wenn ein Muslim sich in einer Situation theologisch überfordert fühlt, holt er sich einen Ratschlag von einem Imâm (Vorbeter einer Moschee) oder einem Mufti (Ratgeber). Diese religiöse Empfehlung bzw. dieses Gutachten (Fatwa) hat das Ziel, dem theologischen Laien nach islamischen Normen und Wertvorstellungen eine vertretbare Entscheidung aufzuzeigen. Das Fatwa dient somit dem Muslim zur Beantwortung der Frage: „Was soll ich in dieser Situation als Muslim tun?“

In muslimischen Ländern ist für solche Fälle der Mufti zuständig. Nachdem man ihm die Frage in mündlicher oder schriftlicher Form mitgeteilt hat, beantwortet er die Frage unmittelbar danach oder – wenn erforderlich – erst später, nachdem er sich kundig gemacht hat. Wenn ein Muslim die erforderlichen wissenschaftlichen Kompetenzen und persönlichen Charaktereigenschaften besitzt, kann er unabhängig vom Geschlecht Mufti werden. Der Mufti soll in seinem Urteil die Rechtsschule des Fragestellers berücksichtigen und auch dessen individuelle Bedingungen nicht außer Acht lassen. In den muslimischen Ländern gibt es neben den privat wirkenden Muftis auch verbeamtete Muftis. In Deutschland gibt es kein offizielles Mufti-Amt für Muslime. Deswegen werden oft die Vorbeter der nächsten Moschee (Imâm) konsultiert.

Bestimmte medizinische Interventionen werden auch Gegenstand solcher Fragestellungen. Ob man eine Arznei, die Alkohol beinhaltet einnehmen darf oder ob man in einem leicht kranken Zustand im Fastenmonat Ramadan fasten darf, gehören zu den oft gestellten Fragen. Bei der Beantwortung solcher Fragen sollen zwischen der von Gott auferlegten Grundpflicht und der Bewahrung der Gesundheit als ein von Gott anvertrautes Gut abgewogen werden. Neben der religiösen Einstellung des Betroffenen ist auch der Krankheitsgrad für die Beurteilung wichtig. Die Einschätzung des Krankheitsgrades soll nicht nur durch die Sichtweise des Patienten, sondern auch durch die ärztliche Beurteilung bestimmt werden. Die Meinung des behandelnden Arztes erlangt somit eine zentrale Bedeutung für einen religiösen Ratschlag.

Eine entscheidende Frage bleibt, inwiefern ein religiöser Rat verbindlich ist. Die benutzte Methodologie und die persönliche Interpretation des Muftis können unterschiedliche Beurteilungen entstehen lassen. Deswegen ist es nicht selten, dass man zum gleichen Fall unter den Rechtsschulen, aber auch innerhalb ein und derselben Rechtsschule verschiedene Entscheidungen findet. Diese auf innerislamische Dynamiken zurückzuführende Meinungsvielfalt sowie das Fehlen einer Hierarchie, wie sie etwa in der katholischen Kirche vorzufinden ist, und andere Gründe verhindern, dass nur ein religiöser Rat die absolute Verbindlichkeit erlangt.

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirksamkeit eines Fatwas in der Praxis ist die religiöse Einstellung des Patienten zum Fatwa-Wesen. Es kann vorkommen, dass der Fragesteller sich mit seiner religiösen Sensibilität bei der Handlungsempfehlung eines Fatwas nicht wohl fühlt und auf die im Fatwa gestatteten Haltungen verzichten will. Dies impliziert, dass in manchen Situationen neben der im Fatwa nahegelegten Handlungsentscheidung eine andere, aus der persönlichen Frömmigkeit resultierende Gewissensentscheidung stärkere Gültigkeit beanspruchen kann. Entscheidend ist dabei, ob in solchen religiösen Beratungen ein gewisser Freiraum für Patientenentscheidungen existiert. Das Gewissen des muslimischen Patienten soll als letzte Entscheidungsinstanz bleiben, denn der Prophet Muhammad sagt: „Frage zuletzt dein Herz nach einer Fatwa.“

Nützliche Links
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Was ist nach dem Tod eines Muslims wichtig?
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Fallbeispiele

Fallbeispiele zeigen den Praxisbezug auf

Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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