Kommunikation durch Dritte

Das Verhältnis von deutschen Ärzten und nicht deutschsprachigen Patienten ist in der medizinischen Praxis mit zahlreichen Verständigungsschwierigkeiten verbunden. Wegen sprachlichen und kulturellen Barrieren stehen Arzt und Patient nicht selten „sprachlos“ gegenüber. Das heißt, die nicht ausreichenden Kenntnisse der deutschen Sprache der Muslime – besonders der ersten Generation – aber auch die im Allgemeinen mangelnden Kenntnisse der medizinischen Profession über die islamische Kultur erschweren diesen wichtigen Verständigungsprozess (vgl. Fallbeispiel Kommunikation). Um die Kommunikationslücken auszugleichen, führen Ärzte oftmals zusätzliche Untersuchungen durch, die zu einer „Überdiagnostik“ führen. Aufgrund mangelnder Verständigung kommt es entweder durch den freiwilligen Wunsch des Patienten oder durch ärztliche Überweisungen zu einer relativ hohen Anzahl von Arztwechseln (doctor-shopping).

In der medizinischen Praxis begegnet man täglich zahlreichen Fällen, wo ohne Dolmetscher kaum eine Verständigung möglich ist. Aus organisatorischen und nicht zuletzt finanziellen Gründen ist ein für das Gesundheitswesen ausgebildeter professioneller Dolmetscherdienst in deutschen Krankenhäusern kaum erreichbar (vgl. dazu Institutionen). Vielfach werden hierfür sprachkundige Personen des Krankenhauspersonals, Familienmitglieder oder Bekannte herangezogen. Solche Dolmetschertätigkeiten können in manchen Fällen hilfreich sein. Nicht selten verursacht jedoch die Anwesenheit einer dritten Person andere Probleme, die zum Teil medizinethischen Charakter haben.

Durch die Anwesenheit einer dritten Person wird zunächst das klassische Arzt-Patient-Verhältnis gestört. Der Patient soll in Gegenwart einer dritten Person, die nicht direkt in den Behandlungsprozess involviert ist, über seine privaten Probleme sprechen und, wenn es erforderlich ist, seine Intimsphäre offenbaren. Von ärztlicher Seite wird es zudem schwierig, wenn es sich um eine die Schweigepflicht betreffende Angelegenheit handelt. Das heißt, der Dolmetscher fördert einerseits die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, andererseits ist er jedoch ein Hindernis für ein authentisches Gespräch.

Unabhängig davon, ob der Dolmetscher ein Fremder oder ein Bekannter ist, existieren weitere Schwierigkeiten, bedingt durch die Semantik der türkischen, arabischen und der deutschen Sprache. Eine Verständigung ist äußerst schwierig, wenn man die Aussagen eines älteren türkischen Patienten – ausgedrückt in seinem spezifischen Dialekt und teils in Bildersprache – wortwörtlich ins Deutsche übersetzt. Diese Sätze zu verändern oder zu interpretieren, um infolgedessen eine bessere Verständlichkeit zu erzielen, würde die Authentizität der Patientenaussagen gefährden. Dieser Interpretationsakt des Dolmetschers kann in manchen medizinischen Bereichen, in denen sowohl die Diagnose als auch die Therapie grundsätzlich von Patientenaussagen abhängt – wie dies in der Psychiatrie der Fall ist –, zu Fehldiagnosen und Fehltherapien führen. Als Beispiel kann man den türkischen Ausdruck „ciğerim yanıyor“ geben, das wortwörtlich übersetzt „meine Leber/Lunge brennt“ bedeutet, was aber oft als „großen Kummer haben“ oder „im seelischen Sinne betroffen sein“ zu verstehen ist. Im Ausdruck „Karnım taş gibi“ (wörtlich: „Mein Bauch ist wie ein Stein“) kann es sich um ein Verdauungsproblem handeln oder aber der Patient möchte damit seine seelische Beschwerde zum Ausdruck bringen.

Es ist auch in der medizinischen Praxis wichtig in manchen Fällen auf das Geschlecht des Dolmetschers zu achten. Eine sehr schamhafte muslimische Patientin würde sich sicherlich unwohl fühlen, wenn sie auf der Gynäkologiestation in Anwesenheit eines männlichen fremden Dolmetschers über ihre Beschwerden sprechen und untersucht werden soll. In seltenen Fällen ist auch spezifische Kompetenz notwendig, um ein Kommunikationsproblem zu lösen, welches zu einem medizinethischen Interessens- und Entscheidungskonflikt führt (vgl. Fallbeispiel Das beste Interesse des Kindes).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Dolmetscher Grundkenntnisse über die Kultur des Patienten haben sollte. Ebenso soll er einige spezifische Ausdrücke für bestimmte Beschwerden kennen und ausreichende medizinische Kenntnisse besitzen. Diese Fähigkeiten und Kompetenzen können durch eine spezielle Ausbildung vermittelt werden.

Nützliche Links
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Fallbeispiele

Fallbeispiele zeigen den Praxisbezug auf

Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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