Bekannte als Dolmetscher

Wenn ein Familienmitglied oder ein Bekannter die Dolmetscherrolle übernimmt, kann Schamgefühl oder mangelndes Vertrauen gegebenenfalls in den Hintergrund treten. Dabei können jedoch andere Probleme entstehen, die die Arzt-Patienten-Kommunikation negativ beeinflussen können. So hat der Bekannte als Dolmetscher wegen seiner Mitbetroffenheit keine „neutrale” Einstellung zum Patienten, aber auch nicht zum Arzt. Seine Mitbetroffenheit und Emotionen können die Neutralität der Übersetzung gefährden.

In manchen Fällen gibt es ein Autoritätsverhältnis zwischen Patienten und Familienmitgliedern, die als Dolmetscher fungieren. Dieses Autoritätsverhältnis kann die Patientenbeschwerden und -wünsche beeinflussen und/oder die Selbstbestimmung des Patienten beeinträchtigen. Würde eine gerade aus der Türkei zugezogene junge Frau mit ihrer in Deutschland lebenden Schwiegermutter als Dolmetscherin einen deutschen Frauenarzt aufsuchen, um über Verhütung oder Probleme des Geschlechtslebens zu sprechen, würde sicherlich dieses Gespräch von der Anwesenheit der Schwiegermutter beeinflusst werden. Somit können die Patientenaussagen ihre authentische Form verlieren oder durch die Übersetzung zensiert werden.

Bestimmte kulturbedingte Einstellungen zur Patientenaufklärung können bei solchen Dolmetschertätigkeiten medizinethische Probleme aufwerfen. Wie soll man als Arzt reagieren, wenn die Tochter ihrem kranken Vater zuliebe eine infauste Diagnose oder schlechte Prognose vorenthält? Das Recht auf Wissen und das Recht auf Nichtwissen als unmittelbare Konsequenz der Patientenautonomie wird durch die kulturspezifische Art der Weitergabe der wichtigen medizinischen Informationen herausgefordert (vgl. Fallbeispiel Recht auf Wissen).

Nicht selten werden kleine Kinder wegen ihrer besseren deutschen Sprachkenntnisse als Dolmetscher eingesetzt. Wenn es dabei um geschlechtsspezifische Beschwerden oder Untersuchungen geht, bereitet die Anwesenheit des Kindes für beide Seiten Schwierigkeiten. Falls es sich um eine Krebsdiagnose oder einen Suizidgedanken handelt, so muss eine psychische Belastung und emotionale Überforderung des Kindes berücksichtigt werden. Dazu ein Fallbeispiel aus der Literatur: Die siebenjährige Tochter einer schwangeren Frau weint im Kreißsaal und sagt dem später hinzugekommenen professionellen Dolmetscher, dass sie nicht übersetzen wolle, was ihr die Ärzte sagten. Sie sollte ihrer Mutter mitteilen, dass das Kind im Mutterleib tot sei.

Die Anwesenheit eines Familienmitglieds, die medizinethisch nicht unproblematisch ist, soll jedoch nicht in allen Fällen als eine das Wohlbefinden beeinträchtigende Wirklichkeit (wegen der möglichen Einflussnahme auf die Selbstbestimmung des Patienten) betrachtet werden. Innerhalb der kulturspezifischen Rollenverteilung kann ein Ehepartner bei einer Therapieentscheidung mit seiner Anwesenheit Unterstützung und Beistand leisten, was dem Wohlbefinden des Patienten dienen würde.

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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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