Psychiatrie

Unter den medizinischen Fächern nimmt die Psychiatrie eine gewisse Sonderstellung ein, da nicht nur die Ausgestaltung des Krankheitsbildes selbst, sondern auch die Verarbeitung der Erkrankung in hohem Maße von der Persönlichkeit des Patienten und seinem kulturellen Hintergrund beeinflusst wird. Bei Muslimen existiert hierbei ein deutlicher Überschneidungsbereich zwischen Kultur und Religion, da für praktizierende Muslime ihre Religion eine (geheiligte) Lebensweise darstellt. Sie lassen Gott in allen Dingen des Alltags wirken: Gebet, Speiseregeln, finanzielle Belange, Befolgen gewisser Verhaltensregeln nach dem Vorbild des Propheten etc. So bewegen sich sowohl praktizierende Muslime als auch Therapeuten quasi immer auf religiösem Gebiet. Daher kann eine schwere psychische Krankheit wie zum Beispiel eine Schizophrenie, in der die „natürlichen Selbstverständlichkeiten“ des Alltags verloren gehen, oder eine schwere Depression eine große religiöse Verunsicherung bedeuten, besonders wenn sie noch mit einer stationären Aufnahme verbunden sind, bei der sich der Betreffende an eine anonyme, öffentliche Institution ausgeliefert sieht.

Auch muslimische Patienten neigen dazu, sich ihre Krankheiten zu erklären und greifen dabei auf kulturelle und ggf. religiöse Grundmuster zurück. Oft besteht die Vorstellung, von einem bösen Dschinn besessen zu sein, einer Art Geistwesen aus dem Koran (vgl. Sure 15/27; Sure 46/29-31; Sure 6/130), die zu den Geschöpfen Gottes und zu den so genannten verborgenen Dingen zählen, von denen wir nicht viel wissen. Dennoch hat der islamische Volksglaube die Existenz von Dschinnen stark ausgestaltet und ihnen spezielle Gestalten gegeben und Einflusssphären zugeordnet. Während Dschinne Bestandteil des islamischen Glaubens sind, lehnt der Islam Zauber und Magie mit Bezug auf den Koran bekanntlich scharf ab (vgl. Sure 27/65), die aber dennoch im Volksislam weit verbreitet sind. Daher suchen viele muslimische Patienten mit psychischen Erkrankungen parallel einen traditionellen Heiler auf, zumeist heimlich, da sie eine Ablehnung durch ihren Arzt befürchten. Therapeuten sollten hier allerdings eine Ressource ihrer Patienten wahrnehmen und dieses Thema taktvoll ansprechen, allein schon um alle wichtigen Einflüsse auf ihren Patienten zu kennen.

An dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, ob dieser traditionelle Heiler wirklich dem Patienten in seiner schwierigen Situation helfen will oder ob dahinter eher eine finanzielle Ausnutzung/Ausbeutung des Patienten steckt. Fühlt der Patient sich in diesen Konsultationen wohl und steht hinter diesen Kontakten kein finanzielles Interesse, so sollte hier eine großzügige Haltung vorherrschen. Es ist dabei auch wichtig, dass der traditionelle Heiler die psychiatrische Behandlung nicht hintertreibt (z. B. von der Medikamenteneinnahme abrät oder solche Therapieformen verbannt etc.).

Aus islamischer Sicht bestehen Einschränkungen für die Medikamenteneinnahme nur insofern, dass Tropfen mit alkoholischen Lösungen verboten sind und während des Ramadan die Fastenregeln möglichst eingehalten werden, was bei neueren Medikamenten durch die tägliche Einmalgabe oder Retardpräparate ohne Schwierigkeiten möglich ist. Darüber hinaus benötigen muslimische Patienten natürlich dieselben Maßnahmen zur Sicherung von Compliance und Therapiemotivation wie alle anderen auch.

Bei psychiatrischen Patienten, denen es schwer fällt, ihren Tag zu organisieren, sollte die Pflege die Beibehaltung des religiös geprägten Tagesablaufes in dem Maße unterstützen, wie er vor der Erkrankung bestand, auch wenn er aus der persönlichen Sicht der Helfenden nicht zeitgemäß oder unverständlich scheint. Ist der Patient Mitglied einer Moscheegemeinde, so kann eine Kontaktaufnahme mit dem Imâm hilfreich sein, allerdings nur nach Rücksprache und mit Erlaubnis des Patienten, da viele die nicht unberechtigte Befürchtung hegen, dass in der Gemeinde viel geredet und noch mehr hinzugedichtet wird, und der Patient um seinen Ruf fürchten muss.

Bei stationären Aufenthalten in der Psychiatrie ist darauf zu achten, dass praktizierende Muslime in vielen Fällen Schwierigkeiten damit haben, Bewegungstherapie, Wassergymnastik, Krankengymnastik o. ä. gemischtgeschlechtlich durchzuführen. Die Situation sollte ebenfalls taktvoll angesprochen und nach Ersatzmöglichkeiten gesucht werden. Auch kann es in der Ergotherapie, z. B. bei der Modellierung mit Ton, zu Problemen kommen, da der Islam die Herstellung von Skulpturen ablehnt. Des Weiteren ist es nicht selbstverständlich, dass in Stationsrunden oder Gruppentherapien Männer und Frauen zusammensitzen und über ihre persönlichen Probleme berichten.

Entscheidend für einen möglichst konfliktfreien und angemessenen Umgang mit muslimischen Patienten in der Psychiatrie ist ein echtes Interesse an deren Lebenswelt und die Akzeptanz ihres Andersseins. Die individuellen Unterschiede in den religiösen Auffassungen und kulturellen Prägungen der Patienten sind sehr groß, so dass man zumeist nach den Wünschen und Bedürfnissen fragen muss (Gelegenheit zum Gebet, Vorhandensein eines Teppichs, Wissen um die Gebetsrichtung usw.). Erfahrungsgemäß wirkt sich schon die höfliche und ehrlich gemeinte Frage positiv aus und beweist eine Anteilnahme, die dem Patienten ein Vertrauen ermöglicht, ohne das eine Therapie nur schwerlich gelingen kann.

Die oben genannten Angaben und Empfehlungen haben eine Geltung, die unmittelbar von den individuellen Religiositätsformen des muslimischen Patienten abhängen. Bekanntermaßen sind sie – wie auch bei christlichen Patienten – nicht homogen. Deswegen sollten Wertvorstellungen und Präferenzen des Patienten stets im Zentrum stehen und bei der Behandlung von einer Stereotypisierung immer abgesehen werden.

Autor: Dr. med. S. Ibrahim Rüschoff

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