Onkologie

Es ist bekannt, dass die Diagnose „Krebs“ für alle Menschen und ihre Betroffenen eine schlagartige Veränderung in ihrem Leben bedeutet. Genauso wie bei anderen Menschen werden auch bei muslimischen Patienten die Familie und das soziale Umfeld bei einer solchen Situation mit involviert. Der Verarbeitungsprozess findet oft unter der Einflussnahme der religiösen Prägungen statt. Weiterhin erfordert dieser Prozess neben der medizinischen Behandlung auch einen sozialen Beistand sowie eine seelische Betreuung. In der medizinischen Versorgung der muslimischen Patienten kommt in der Onkologie der kultursensiblen kommunikativen Kompetenz des medizinischen Teams eine besondere Bedeutung zu. Leider gibt es in Deutschland bis jetzt keine spezifischen Konzepte und psychosoziale Versorgungsstrukturen für die muslimischen Patienten. Es ist ein krankenseelsorgerisches Konzept nötig, das auf das muslimische Verständnis von Krankheit und Tod basiert.

Außerdem sind die Behandlung und der Umgang mit muslimischen Patienten auf onkologischen Stationen mit mehreren kulturspezifischen Konfliktfeldern verbunden. Die eigenartige Wahrnehmung der Krankheit „Krebs“ prägt unter dieser Bevölkerung zugleich auch eine Einstellung zu dieser Krankheit. Die soziale Schichtzugehörigkeit und der damit verbundene Informationsdefizit zum Thema Krebs und deren Entwicklungsstadien bzw. Therapiemöglichkeiten führen oft dazu, dass eine Krebsdiagnose – auf Türkisch Kanser – mit einem Todesurteil gleichgesetzt wird und zu einer Paniksituation führt. Die enormen Fortschritte bei der Krebsbehandlung in den letzten Jahren sind oft unbekannt und man geht deswegen bei der Diagnose Krebs von einer schnell zum Tode führenden Krankheit aus.

Die Mitteilung der Diagnose Krebs erweist sich – wie bei anderen Menschen – bei der medizinischen Versorgung der muslimischen Patienten als ein konfliktträchtiges Feld. Aufgrund der oben genannten Wahrnehmungsformen ist ein äußerst vorsichtiges Vorgehen geboten. Eine kultursensible Kommunikation ist zwar mühsam und schwierig, es kann sich jedoch bei einer erfolgreichen Durchführung mit einer besseren Compliance (Therapiebefolgung) zurückzahlen. Die Erfahrungen aus der medizinischen Praxis zeigen, dass eine andere Wortauswahl z. B. „Tumor“ anstatt „Krebs“ bei der Patientenaufklärung – falls das medizinisch und ethisch vertretbar ist – noch nützlicher sein kann.

Die aufbereiteten Informationsbroschüren über Krebs für Muslime in ihren Muttersprachen können bei der Patientenaufklärung hilfreich sein. Diese sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, weil viele Übersetzungen ins Deutsche das Bildungsniveau und den kulturell-religiösen Hintergrund der Patienten nicht berücksichtigen. Diese Broschüren sollten von professionellen Übersetzern, die kulturspezifisch-medizinische Kenntnisse besitzen, mit einer einfachen Sprache didaktisch und inhaltlich gut aufbereitet werden. So sollte mehrsprachiges für Patienten verständliches Informationsangebot in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens verstärkt werden.

In der Praxis wird von den Angehörigen eines muslimischen Patienten oft der Wunsch geäußert eine infauste Diagnose und Prognose der betroffenen Person nicht mitzuteilen. Durch das Vorenthalten einer schlechten Diagnose und Prognose möchten die Familienangehörigen den Patienten schonen und sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigen (vgl. Fallbeispiel). Diese Praxis ist in den muslimischen Ländern – anders als in Deutschland – eine weit verbreitete Vorgehensweise. Wie soll aber ein deutscher Arzt mit dieser Situation umgehen? Wie soll das Recht auf Wissen als natürliche Konsequenz der Patientenautonomie in solchen Situation realisiert werden? Kann das Recht auf Nicht-Wissen allein durch den Wunsch der Familienangehörigen bevorzugt werden? Wie sollen und können die ethischen Implikationen der Patientenautonomie in einem interkulturellen Arzt-Patienten-Angehörigen-Verhältnis konkretisiert werden? Was ist die Reichweite der kulturbedingten Präferenzen im Gesundheitswesen einer wertpluralen Gesellschaft?

Es dürfte ersichtlich sein, dass eine auf die Routine reduzierte Vorgehensweise in solchen Situationen kaum eine Lösung anbieten kann. Die wesentliche Herausforderung besteht in diesen Fällen darin, herauszufinden, ob der Patient dem geäußerten Wunsch der Familienangehörigen zustimmt. Es soll aber zugegeben werden, dass die Feststellung dieser Einstellung aufgrund der sprachlichen und kulturellen Barrieren sehr schwierig ist. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Durchführung bestimmter medizinischer Maßnahmen. Der Erfolg solcher medizinischen Einsätze erfordert eine Einwilligung des Patienten, die wiederum ohne Aufklärung nicht entstehen kann. Deswegen darf die Weitergabe oder das Vorenthalten einer Krebsdiagnose in der Onkologie nicht auf das Recht auf Wissen und Nicht-Wissen reduziert werden.

Ähnliche Problemfelder sind auch bei der Krebsbehandlung der Kinder muslimischer Eltern vorstellbar. Die allgemeine Schwierigkeit den Kindern die Diagnose Krebs mitzuteilen, gewinnt in einem interkulturellen Kontext eine zusätzliche Komplexität. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, dass ein Therapieerfolg unmittelbar mit der gelungenen Aufklärung der Eltern verbunden ist. Diese erfordert wiederum Überwindung der sprachlichen und kulturellen Barrieren.

Die praktischen Erfahrungen zeigen, dass die unterschiedlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen von muslimischen Patienten signifikant wenig genutzt werden. Durch dezidierte und zielgerichtete Aufklärungskampagnen können in diesem Bereich sehr viel erreicht werden.

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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
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