Kinder- und Jugendmedizin

In der Kinder- und Jugendmedizin ist das klassische Arzt-Patienten-Verhältnis oft durch die Eltern erweitert. Abhängig vom Alter des Kindes verändert sich auch die Rolle und Einflussnahme der Eltern bei der medizinischen Versorgung. Nicht selten entstehen in der medizinischen Praxis Probleme und Konflikte bei der Behandlung der Kinder ausländischer Eltern, die zu sprachlichen und kulturellen Barrieren zurückzuführen sind. Berücksichtigt man den ständig ansteigenden Anteil der ausländischen bzw. muslimischen Kinder in der gesamten Bevölkerung in Deutschland, so erreichen diese Probleme in der Kinder- und Jugendmedizin eine signifikante Größe. In manchen Kinderkliniken und Kinderarztpraxen steigt sogar der Anteil der ausländischen Kinder bis zu 50 %, wo die Ärzte und das Pflegepersonal sich in vieler Hinsicht überfordert fühlen. Eine fundierte Analyse zeigt, dass diese Probleme nicht nur auf die religiösen Überzeugungen zurückzuführen sind, sondern auch zu sozialen und traditionell sittlichen Einstellungen. Deswegen erfordert eine Konfliktlösung in der Kinder- und Jugendmedizin oft eine differenzierende Analyse des Problems.

Die Kommunikation stellt in der Kinder- und Jugendmedizin – wie in anderen medizinischen Bereichen auch – ein wichtiges Problemfeld dar. Oft ist eine gelungene Verständigung vor allem mit der Mutter nötig, um einen Mindestmaß an medizinischer Versorgung zu gewährleisten. Sie beherrschen wiederum oft die deutsche Sprache nicht und benötigen deswegen eine Übersetzungshilfe von außen. Die Dolmetschertätigkeit alleine darf jedoch nicht immer als Lösung der ganzen Kommunikationsprobleme betrachtet werden. Nicht selten führt eine Übersetzungstätigkeit selbst zu ethischen Schwierigkeiten (vgl. Fallbeispiel).

Der islamische Glaube konzipiert einige Rechte und Verpflichtungen im Eltern-Kind-Verhältnis. Die Eltern sind verantwortlich für die Durchführung erforderlicher Maßnahmen, um die Gesundheit ihres Kindes zu bewahren und im Krankheitsfall wiederherzustellen. Das Kind hat einen Anspruch auf körperliche Unversehrtheit und auf präventive und kurative Gesundheitsfürsorge. Vater und Mutter sind dem Koran zufolge verpflichtet, für den Lebensunterhalt und die Kleidung ihrer Kinder zu sorgen (vgl. Sure 2/233). Sicherlich werden diese elterlichen Verpflichtungen nicht isoliert vom eigenen Glauben und den eigenen Wertvorstellungen wahrgenommen und praktiziert. Aus der Perspektive der muslimischen Eltern wird oft der Wunsch nach Achtung der islamischen Speisevorschriften – z. B. schweinefleischfreie Kost für ihr Kind – geäußert. Ebenso besteht häufig der Wunsch, dass Mädchen ab der Pubertät von einer Ärztin untersucht und von einer Krankenschwester betreut werden.

Neben diesen Konfliktbereichen beeinflussen andere traditionell sittliche Einstellungen der muslimischen Eltern den Umgang mit ihren kranken Kindern. Oft werden die somatischen Symptome (Fieber, Husten, Appetitlosigkeit, Schmerzen, Hautausschlag etc.) der Kinder mit einer besonderen Aufmerksamkeit wahrgenommen und danach wird sofort ein Arztbesuch unternommen. Dagegen werden psychische Symptome (Lernschwierigkeiten, Aggression, Depression etc.) oder seelische Entwicklungsstörungen oft verkannt, übersehen oder verdrängt. Deswegen gewinnen bei den Kindern solcher Familien die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen (U1-9) eine zusätzliche Bedeutung. Es ist oft Aufklärungsarbeit nötig, um die Familien von der Wichtigkeit dieser Untersuchungen zu überzeugen. Wahrscheinlich führt die allgemeine Vorstellung, dass man erst nach Ausbruch einer Erkrankung einen Arzt besucht dazu, dass die Bedeutung präventiver Untersuchungen verkannt und unterschätzt wird.

Eine besondere Schwierigkeit erlebt man in der Praxis, wenn es um chronische Kinderkrankheiten und die damit verbundenen medizinischen Maßnahmen geht. Eine optimale medizinische Versorgung dieser Kinder hängt von einer intensiven Aufklärung der Eltern ab. Sie sollten über den Charakter der chronischen Krankheit, die damit verbundenen medizinischen Maßnahmen, Umgangsformen und Diätvorschriften ausführlich und gegebenenfalls in ihrer Muttersprache informiert werden.

 

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Fallbeispiele

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Universitšt Mainz
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