Gynäkologie

Die Konfliktfelder bei der Behandlung der muslimischen Patientinnen in der Gynäkologie sind vielfältig und heterogen. Unterschiedliche Religiositätsformen, aber auch andere Wirklichkeiten wie Bildungsgrad, sozialer Status, Alter und individuelle Erfahrungen spielen bei der Wahrnehmung und dem Erleben von Krankheit sowie bei Entscheidungen im Krankheitsfall eine bedeutende Rolle.

Schamgefühl

Ein elementares Thema im Umgang mit muslimischen Patientinnen in der Gynäkologie ist das Schamgefühl und seine Erscheinungsformen. Wir wissen, dass das Schamgefühl zum Wesen des Menschen gehört. Es erweist sich jedoch in verschiedenen Formen im Leben. Dieses im modernen Leben oft unterschätzte menschliche Gefühl kann bei muslimischen Patientinnen und Patienten viele individuelle Handlungs- und Entscheidungsformen beeinflussen. Wissenschaftliche Studien innerhalb verschiedener religiöser Gruppen belegen, dass das Schamgefühl unter den muslimischen Patientinnen am stärksten ist. Diese Situation darf nicht nur auf traditionell sittliche Handlungsformen reduziert werden. Denn das in den Hauptquellen der islamischen Religion vorzufindende Verständnis von körperlicher Unversehrtheit und Intimität prägt auch dieses Schamgefühl und die damit verbundenen Handlungsformen eindeutig (vgl. Sure 24/30-1). Aus diesem religiösen Kontext lassen sich die charakteristische Bedeckung des Körpers und der distanzierte körperliche Umgang zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts, wenn sie nicht verwandt oder verheiratet sind, ableiten. Diese Handlungsformen weisen somit eine islamisch-moralische Dimension auf (vgl. Sure 24/30-1 und Sure 33/59).

Diese Sachlage führt dazu, dass viele muslimische Patientinnen auf die Untersuchung und Behandlung von gleichgeschlechtlichem medizinischem Personal großen Wert legen. An dieser Stelle soll auch die Intensität und Qualität des medizinisch erforderlichen Körperkontakts berücksichtigt werden. Sicherlich hat eine gynäkologische Untersuchung durch einen männlichen Arzt für eine muslimische Patientin nicht denselben Stellenwert wie eine Blutdruckmessung durch denselben Arzt.

Bei einem Arztbesuch oder Klinikaufenthalt bleibt ein körperlicher Kontakt oft unvermeidbar. Der islamische Glaube erkennt den Krankheitsfall als Ausnahmezustand an und deswegen ist der körperliche Kontakt in der medizinischen Praxis nicht gleichzusetzen mit dem Körperkontakt im alltäglichen Leben. Muslime sind genauso wie andere Bevölkerungsgruppen keineswegs eine homogene Gruppe. Im gesellschaftlichen Leben lassen sich unter den Muslimen unterschiedliche Religiositätsformen und damit verbundene unterschiedliche Haltungen feststellen.

Kommunikation

Wie in vielen anderen medizinischen Fachbereichen, so ist auch in der Gynäkologie und Geburtshilfe die Kommunikation ein zentrales Problemfeld. Nicht selten ist eine Dolmetschertätigkeit erforderlich, um einen Mindestmaß an Verständigung zu erreichen (vgl. Fallbeispiel). Dabei sollte man darauf achten, ob zwischen der Patientinnen und der übersetzenden Person ein gewisses Autoritätsverhältnis existiert. Denn dadurch kann die freie Entscheidung der Patientinnen gefährdet werden. Ebenso darf nicht vergessen werden, dass der Einsatz eines männlichen fremden Dolmetschers während einer gynäkologischen Untersuchung für viele muslimische Patientinnen ein Problem darstellt.

Empfängnisverhütung

Ein weiteres zentrales Thema in der Gynäkologie ist die Empfängnisverhütung. Aufgrund der zustimmenden Haltung des Propheten Muhammad zur damaligen Verhütungspraxis durch den Coitus Interruptus wird die Verhütung im Rahmen einer Familienplanung als erlaubt erklärt. Die Methoden, die eine Befruchtung der Eizelle nur vorübergehend verhindern, wie der Coitus Interruptus, ovulationshemmende Medikamente, chemische oder mechanische Mittel (Vaginalschaum, Scheidendiaphragma, Kondome etc.) werden in der Verhütungspraxis benutzt. Dagegen wird die Spirale (IUP: Intrauterines Pessar) von manchen Gelehrten abgelehnt, weil sie nicht die Befruchtung, sondern die Einnistung der befruchteten Eizelle verhindert und mit einer Abtreibung vergleichbar ist. Eindeutig abgelehnt werden die irreversiblen Verhütungsmethoden wie Sterilisation, Kastration und Samenstrangdurchtrennung – es sei denn es liegt eine schwerwiegende medizinische Indikation vor.


Die Themen Schwangerschaftsabbruch, Genetische Beratung, In-vitro-Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik (PID) und Pränataldiagnostik (PND) gehören zu den weiteren Problemfeldern in der Gynäkologie.

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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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