Sterbebegleitung und Tod

Durch das Älterwerden der Muslime steigt die Anzahl der Sterbenden in Deutschland stetig. Mittlerweile sterben jährlich Tausende von Muslimen in Deutschland, und ihre Leichen werden mehrheitlich in die Heimat überführt. Viele Muslime verbringen ihre letzten Tage in deutschen Krankenhäusern, wo sie sich mit zahlreichen Problemen unterschiedlicher Art konfrontiert sehen. Hier sollen nun einige grundlegende Informationen über das muslimische Todesverständnis, die damit verbundene Sterbebegleitung und die spezifischen Rituale vermittelt werden.

Islamische Eschatologie

Der Tod als existenzielle allgemeinmenschliche Erfahrung betrifft im islamischen Glauben sowohl die Leiblichkeit als auch die Geistigkeit des Menschen. Der Glaube an das Jenseits, an die Auferstehung nach dem Tod sowie an das Jüngste Gericht gehört zu den wesentlichen Glaubenssätzen des Islam. Der Koran versteht den Tod nicht als das Ende des Menschen, sondern als Tor vom Diesseits zum Jenseits. Der Tod ist als Heimkehr zum Schöpfer zu verstehen. Denn im Koran heißt es: „Wir gehören Gott und zu Ihm kehren wir zurück.“ (Sure 2/156). Die Seele verlässt nach dem Sterbeprozess den Körper bis zum Tag der Auferstehung, an dem sich beide wieder miteinander vereinen werden. Dort wird der Mensch über seine Taten vor Gott Rechenschaft ablegen und schließlich wird über die Belohnung oder Bestrafung des Menschen entschieden.

Der letzte Besuch

Nach islamischem Glauben sollen zwischenmenschliche Angelegenheiten unter den Betroffenen geregelt werden. Wenn ein Muslim gegenüber anderen Menschen einen Fehler begangen hat, so soll er diese mit ihm regeln und nicht die Verzeihung von Gott erwarten. Deswegen hat der letzte Besuch für jemanden, der kurz vor dem Sterben steht und für seinen Bekanntenkreis eine zentrale Bedeutung.

Durch einen Besuch seinen Beistand zum Ausdruck zu bringen und erforderliche Maßnahmen für eine Sterbebegleitung gehören ebenso zu den religiösen Pflichten der Familienangehörigen und Bekannten eines Sterbenden. Zusätzlich bietet ein solcher Besuch die Möglichkeit, über das eigene Leben nachzudenken und sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen, was in den Prophetenaussprüchen nachdrücklich empfohlen wird.

Aufgrund dieser Bedeutung kommt es in der medizinischen Praxis oft vor, dass die sterbenden Muslime von einer großen Anzahl von Bekannten besucht werden. In solchen Situationen soll das medizinische Team einen Kompromiss suchen. Dabei können den Besuchern einzelne und kurze Besuche gestattet werden.

Sterbebegleitung, Rituale beim Verstorbenen und Trauer

Für eine Sterbebegleitung eines Muslims hat die Koranrezitation und Artikulation des islamischen Glaubenssatzes eine zentrale Bedeutung. Der Koran und ebenso der Glaubenssatz können von einem Vorbeter (Imâm), aber auch von einem Muslim, der Arabisch lesen kann, rezitiert und vorgesprochen werden. Bei einer solchen Koranrezitation wird oft die 36. Sure (Yâ Sîn), die über das wahre Wesen des menschlichen Lebens den Sterbenden als auch den Trauernden unterweist, gewählt. Durch die Vorlesung dieser Sure soll auch der Sterbende in Ruhe und Frieden, seine Seele seinem Schöpfer übergeben. Auch wenn die Koranrezitation von außen als Belastung für den Sterbenden wahrgenommen werden kann, gilt sie für den muslimischen Sterbenden als ein beruhigender Akt.

Die Sterbebegleitung ist in der islamischen Kultur nicht professionalisiert und wird oft von den Angehörigen übernommen. Wenn aber der sterbende Muslim niemanden hat oder die Familie sich überfordert fühlt, so kann ein Imâm – wenn möglich nach Rücksprache mit dem im Sterben liegenden Patienten oder der Familie – eingeladen werden. Daher ist es für ein Krankenhaus sinnvoll, sich vorher die Telefonnummern einiger Moscheegemeinden zu notieren. Ebenso empfehlenswert ist es, für die ganze Sterbebegleitung ein Einbettzimmer zur Verfügung zu stellen. In den Palliativstationen und Hospizen sollte ebenfalls dieser Gesichtspunkt berücksichtigt werden.

Nach dem Sterbeprozess werden die Hände des Verstorbenen gekreuzt, die Augenlider geschlossen und das Kinn mit einem Stück Stoff festgeknotet. Dann wird die Kleidung ausgezogen und der Körper in drei oder fünf Stoffbahnen gehüllt. Der Verstorbene gehört – dem islamischen Glauben nach – der Erde, weswegen die Beisetzung schnell, möglichst am selben oder am nächsten Tag stattfinden sollte. Davor wird eine rituelle Waschung des gesamten Körpers durchgeführt. Bei der Waschung, die von einer Person gleichen Geschlechts durchzuführen ist, soll das Wasser weder zu heiß noch zu kalt sein – wie bei einem lebendigen Menschen. Nach der Ganzwaschung wird der Verstorbene mit einem weißen Tuch (türk. Kefen), dem Totentuch, umhüllt und in einen einfachen Sarg gelegt. Auch dieses Tuch soll einfach sein und keinen Saum haben, genauso wie das weiße Tuch von Pilgern in Mekka. Die sanfte körperliche Behandlung des Verstorbenen impliziert, dass der verstorbene Körper im islamischen Glauben eine gewisse Unversehrtheit besitzt. Auch die körperliche Sauberkeit durch die Ganzwaschung weist auf die symbolische Vorbereitung – wie beim täglichen Gebet – dem Schöpfer zu begegnen, hin.

Die Waschung des muslimischen Verstorbenen ist eine zentrale Pflicht der Hinterbliebenen. Sie kann nicht in allen Krankenhäusern problemlos durchgeführt werden. Dafür ist ein Raum nötig, der bestimmte Anforderungen dieses Rituals erfüllen muss. Als Notlösung können die Obduktionstische in Pathologiesälen empfohlen werden, da dort auch die Möglichkeit besteht, dass das für die Waschung benutzte Wasser abfließen kann.

Eine der wichtigsten Pflichten der muslimischen Gemeinde dem Verstorbenen gegenüber ist die Verrichtung des Totengebets durch einen Vorbeter (Imâm). Der muslimische Verstorbene wird im Grab auf die rechte Seite gelegt und das Gesicht nach Mekka gerichtet wie beim fünfmaligen Gebet.

Die Trauer mit Schreien und Wehklagen wird nicht vom Propheten empfohlen. Man sollte den Verstorbenen mit seinen guten Taten in Erinnerung rufen. Leider begegnen uns in der Praxis dramatische Szenen, die als Ausdruck der Liebe der Hinterbliebenen zu dem Verstorbenen zu interpretieren sind. Für solche Situationen ist ein möglichst glaubensneutraler Abschiedsraum sehr empfehlenswert.

Nützliche Links
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Fallbeispiele

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