Lebensbeginn

Die Frage: „Wann beginnt das menschliche Leben?“ ist auch für Muslime sehr zentral für die Beurteilung mehrerer ethischer Fragen. Man findet in der islamischen Geistesgeschichte relativ früh, schon etwa im 8., 9. und 10. Jahrhundert eine umfangreiche Diskussion über diese Fragen. Diese Diskussionen haben nicht zuletzt so früh angefangen, weil sie für die Beurteilung des Schwangerschaftsabbruchs maßgeblich waren. Im Koran, der wichtigsten Hauptquelle der Muslime, werden das menschliche Leben im Mutterleib, das Auf-die-Welt-Kommen, das Sterben nach einer gewissen Lebenszeit sowie die Wiederauferstehung im Jenseits als Komponenten eines Kontinuums mit unterschiedlichen Seinsqualitäten erklärt:

„Und wahrlich, Wir schufen den Menschen aus einem entnommenen Ton. Dann machten Wir ihn zu einem Tropfen in einem festen Aufenthaltsort. Dann schufen Wir den Tropfen zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Und Wir bekleideten die Knochen mit Fleisch. Dann ließen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott sei gesegnet, der beste Schöpfer! Dann werdet ihr nach all diesem sterben. Dann werdet ihr am Tag der Auferstehung auferweckt werden.“ (Sure 23/12-16)

Obwohl es im Koran keine konkreten Angaben über den genauen Zeitpunkt der Beseelung gibt, gewinnt er in den Diskussionen über den Beginn des menschlichen Lebens eine zentrale Bedeutung. Mittlerweile hat sich die folgende Berechnung durchgesetzt: Basierend auf einem Prophetenausspruch werden für alle in den oben zitierten Versen genannten Entwicklungsstadien bis hin zur Einhauchung der Seele, also vom Wassertropfen zum Embryo bis hin zum Fötus, jeweils 40 Tage berechnet. Insgesamt sind es somit 120 Tage bis zum Zeitpunkt der Beseelung. Es gibt jedoch andere Prophetenaussprüche, durch die man jeweils andere Zeitpunkte (40., 42., 43., 45. oder 80. Tag) als den Beginn des menschlichen Lebens erklärt hat.

Schwangerschaftsabbruch

Es gibt zwischen, aber auch innerhalb der verschiedenen muslimischen Rechtsschulen unterschiedliche Meinungen über die Beurteilung des Schwangerschaftsabbruchs, die hier nicht alle detailliert behandelt werden können. Man kann grob von drei Hauptpositionen bei der Beurteilung des Schwangerschaftsabbruchs sprechen:

  • Ein Schwangerschaftsabbruch ist auch ohne triftigen Grund bis zum Zeitpunkt der Beseelung (je nach Interpretation s.o.) erlaubt.
  • Er ist nur mit triftigem Grund bis zum Zeitpunkt der Beseelung erlaubt.
  • Er ist nach der Befruchtung der Eizelle verboten.

Die Rechtsgelehrten sind sich über die Vertretbarkeit eines Schwangerschaftsabbruchs für den Fall einig, wenn das Leben der Mutter durch eine Schwangerschaft gefährdet ist. Dann kann ein Schwangerschaftsabbruch unabhängig vom Zeitpunkt der Schwangerschaft durchgeführt werden. Abgesehen von dieser Notlage ist ein Abbruch nach dem 120. Tag der Schwangerschaft durch kein anderes Argument (Lebensplanung, soziale und finanzielle Gründe etc.) legitimierbar.

Aufgrund dieser rechtsethischen Diskussionen, aber auch aufgrund soziopolitischer Gegebenheiten wird der Schwangerschaftsabbruch in den muslimischen Ländern juristisch unterschiedlich geregelt. Eine neue und immer stärker werdende Tendenz unter den muslimischen Intellektuellen und Gelehrten setzt den Schwerpunkt auf die Befruchtung der Eizelle. Ab diesem Zeitpunkt beginnt das menschliche Leben und dem Embryo kommt volle Schutzwürdigkeit zu. Danach ist ein Schwangerschaftsabbruch nur dann vertretbar, wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft gefährdet wird.

Diese komplexe Diskussionslage überfordert oft eine in Deutschland lebende Muslimin, die vor einer konfliktträchtigen Entscheidung steht. Zusätzlich soll unterstrichen werden, dass die muslimischen Frauen ihre Entscheidungen nur im Rahmen der gesetzlichen Regelungen des Landes, in dem sie leben, treffen können.

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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitšt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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