Volksglaube und traditionelle Heiler

Wenn ein Krankheitszustand naturwissenschaftlich nicht erklärbar (z.B. bestimmte psychische Erkrankungen) oder mit konventionellen Maßnahmen nicht heilbar (z.B. bösartige Krebserkrankungen) ist, so werden nicht selten andere Wege und Praktiken als letzte Hoffnung hinzugezogen. Eine wichtige Figur in solchen Situationen ist der traditionelle Heiler (Hoca). Im Unterschied zum Imâm, der als Prediger und Vorbeter in der Moschee tätig ist, haben Hocas oft keine theologische Ausbildung. Sie schreiben einige arabische Buchstaben oder Koranverse auf ein Stück Papier (Muska), welches der Patient auf seinem Gewand tragen soll. Sie verkaufen oder verschreiben Heilkräuter (kocakarı ilacı, d.h. „Medizin der alten Frauen“), die nach einer bestimmten Anweisung eingenommen werden sollen. Konsultationen dieser Art sind entweder Mittel der letzten Wahl oder werden während der Therapie einer nur schwer behandelbaren Krankheit parallel angewandt, z.B. bei einer schweren psychischen Störung. Obwohl die Bedeutung und der Einfluss der Hocas bei älteren Muslimen nicht zu unterschätzen ist, werden sie von den meisten Muslimen verachtet und als habgierige Scharlatane bezeichnet. Für Ärzte und Pflegepersonal ist es wichtig zu wissen, ob diese Praktiken während einer Krankheitsbehandlung schädlich sein können (z.B.: Die Einnahme süßer Heilmittel bei Diabetes).

Die Imâme leisten – abhängig von der jeweiligen Struktur der muslimischen Gemeinde – in deutschen Krankenhäusern und Gefängnissen seelsorgerische Dienste. Für eine angemessene Seelsorge der muslimischen Patienten scheinen nur die Imâme und nicht die traditionellen Heiler geeignet zu sein. Zu beachten ist dabei, dass die muslimischen Patientinnen von weiblichen muslimischen Theologinnen (Hoca Hanım) besucht werden, deren Anzahl in Deutschland im Unterschied zu den männlichen Imâmen sehr niedrig ist.

Dschinn (Geistwesen), Büyü (Schadenszauber) und Nazar (der böse Blick)

Der Koran spricht von der Existenz der aus einer Feuerflamme erschaffenen Dschinnen (vgl. Sure 55/15). Die Botschaft des Korans richtet sich, ähnlich wie bei den Menschen, auch an diese für die menschlichen Sinne nicht wahrnehmbaren Wesen (vgl. Sure 51/56). Ihre spezielle Rolle bei der Entstehung einer Krankheit ist jedoch nur im Volksglauben und dort in unterschiedlichen Ausprägungen zu finden. Besonders für psychische Symptome wie Halluzinationen, „Stimmen-Hören“ etc., für spontan eingetroffene unerklärliche Krankheiten, Epilepsie oder Unfruchtbarkeit werden Dschinnen verantwortlich gemacht. Ebenso können einige Krankheiten auf den Schadenszauber (Büyü) oder den bösen Blick (Nazar) zurückgeführt werden. Auch in diesen Situationen wird ein traditioneller Heiler konsultiert. Vorbeugend kann ein Amulett, ein Talisman (Muska) oder ein kleiner blauer Stein (Nazar Boncuğu) auf der Kleidung getragen werden. Diese Praktiken werden von Gelehrten als eine islamwidrige Handlung kategorisch abgelehnt. Doch der Volksglaube lässt sich davon wenig beeindrucken.

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Fallbeispiele

Fallbeispiele zeigen den Praxisbezug auf

Durchführung und Förderung
Universitt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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