Krankheitsdeutungen

Neben den Grundsätzen des muslimischen Gesundheits- und Krankheitsverständnisses sind auch individuelle Interpretationen und Sinndeutungen von Krankheit für Entscheidungen und Haltungen im Krankheitszustand wirksam. In der Praxis begegnet man unterschiedliche Sinndeutungen unter den Muslimen, die sowohl zu den islamischen Hauptquellen als auch dem Volksglauben zurückzuführen sind. Aus den islamischen Hauptquellen lassen sich zwei elementare Sinndeutungen ableiten: Krankheit als Prüfung Gottes und Krankheit als Gnadenerweis und Sündenvergebung.

Das Erdenleben ist nach islamischem Glauben ein Prüfungsort (vgl. Sure 67/2). Zu den vielfältigen Prüfungsformen gehören auch Krankheit und Behinderung. Nach koranischer Auffassung ist Krankheit nichts Abscheuliches oder Verwerfliches, sondern ein Zustand, der die Geduld als natürliche Konsequenz des Glaubens und somit auch den Glauben selbst auf die Probe stellt. Die Krankheit ist auch nicht Strafe Gottes oder eine Ausdrucksform des göttlichen Zorns. Vielmehr erklärt das folgende Prophetenwort eine Krankheit als Gelegenheit für die Sündenvergebung: „Keine Müdigkeit und keine Krankheit, keine Sorge und keine Trauer, kein Schmerz und kein Kummer befällt den Muslim, nicht einmal ein winziger Dorn kann ihn stechen, es sei denn, Gott will ihm damit eine Sühne für seine Verfehlungen auferlegen.“

In einem Krankheitszustand, wo der Muslim seine Ohnmacht und Grenzen erfährt, soll er eine bestimmte Gemütseinstellung bewahren. Danach sollen für die Krankheit angemessene medizinische Maßnahmen getroffen werden. Klagen darüber, warum gerade man selbst befallen wurde oder gar das Anklagen Gottes sind mit einem muslimischen Gemüt nicht vereinbar.

Neben diesen theologisch nachvollziehbaren Krankheitsdeutungen begegnet man in der Praxis auch Interpretationen, die zum Volksglauben zurückzuführen sind. Obwohl eine Begründung von Krankheit als Bestrafung Gottes oder Gotteszorn aus den islamischen Hauptquellen nicht ableitbar ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass der ein oder andere Muslim einer derartigen persönlichen Interpretation den Vorzug gibt. Die Vorstellung, dass eine Krankheit eine göttliche Strafe sei, kann besonders während einer unheilbaren Krankheit auftauchen und von dem Betroffenen auf die eigenen Übeltaten oder auf unterlassene Pflichten zurückgeführt werden. Diese Bestrafung muss nicht unbedingt aus einem Fehlverhalten resultieren und die verantwortliche Person selbst betreffen. Die schwere Erkrankung des eigenen Kindes oder aber die Unfruchtbarkeit des Ehemannes oder der Ehefrau kann in diese Richtung interpretiert werden.

Für die Entscheidungs- und Interessenkonflikte in der Praxis ist es wichtig, die Quellen der Deutungsformen (Theologie und Volksglaube) voneinander zu differenzieren. Diese Differenzierung soll nicht wertend, sondern analysierend sein. Das heißt, es geht nicht darum, die nach dem islamischen Glauben richtige Interpretationsform zu finden. Vielmehr soll die wirkliche Krankheitsdeutung, die im Konfliktfall eine Rolle spielt, festgestellt und dementsprechend eine ethisch vertretbare Konfliktlösung konstruiert werden.

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Fallbeispiele

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Universitt Mainz
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