Fallbeispiel Stellvertretende Entscheidung

Fallbeschreibung

Ein 55-jähriger türkischer Muslim kam plötzlich zum Kreislaufstillstand. Die Reanimationsbemühungen führten zu einer gewissen Kreislaufstabilisierung. Es entwickelte sich später ein Mittelhirnsyndrom: fehlende Spontanatmung und keine Reaktion auf Reize. Dieses Bild änderte sich innerhalb von sechs Tagen unter Anwendung der üblichen Maßnahmen nicht. Der ärztliche Vorschlag gegenüber der Ehefrau und dem jüngeren Sohn, die Beatmung des Patienten im Hinblick auf die Aussichtslosigkeit seines inkurablen Grundleidens zu beenden und das natürliche Ende abzuwarten, stieß auf Verständnis. Zu diesem Zeitpunkt erschien der älteste – auswärts wohnende – Sohn. Er verlangte die Fortsetzung aller therapeutischen Maßnahmen. Die lebensverlängernden Maßnahmen wurden danach fortgeführt. Drei Tage später kam es durch plötzlichen Herzstillstand zum Tode des Patienten. Bei der Aufarbeitung des Falles stellte sich heraus, dass zwar die Laborwerte exakt eingetragen wurden, aber jede Dokumentation zu den Gesprächen mit den Angehörigen oder vorigen Wunschäußerungen des Patienten fehlte.

Arbeitsfragen

  • Wie ist der Entscheidungskonflikt zwischen der Ehefrau und dem ältesten Sohn zu bewerten?
  • Inwiefern hat die Ehefrau ihre Entscheidung frei getroffen?
  • Haben dabei kultur- und sprachbedingte Kommunikationsprobleme oder das starke asymmetrische Verhältnis zwischen Ehefrau und Ärzte eine Rolle gespielt?
  • Welche Bedeutung haben die knappen Ressourcen bei der Empfehlung der Ärzte gespielt?
  • Wenn die Entscheidung der muslimischen Familie, die zu deren religiösen Wertesystem zurückzuführen ist, die Solidargemeinschaft finanziell belastet hätte, wie ist diese Belastung ethisch zu bewerten?

Literatur

  • Bobbert, Monika u. Mohr, M.: Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen, Fall und Kommentare, in: Ethik in der Medizin, Bd. 11, Heft 2, 1999, S. 103-113.
  • Ilkilic, Ilhan: Der muslimische Patient. Medizinethische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft, Münster 2002, S. 91-119.
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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
Universitt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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