Fallbeispiel Recht auf Wissen oder Vorenthalten der Diagnose dem Patienten zuliebe

Fallbeschreibung

Bei einem 23-jährigen türkisch-muslimischen jungen Mann wurde ein bösartiger Krebs festgestellt. Nach mehreren Chemotherapiezyklen konnte kein Erfolg bei der Behandlung erzielt werden. Der Gesundheitszustand des Patienten verschlechterte sich ständig, so dass der Tod immer wahrscheinlicher wurde. Deswegen wurde der Patient auf eine Palliativstation verlegt.

Sowohl der Patient als auch seine Eltern haben nur geringe Deutschkenntnisse, die nicht für eine erforderliche Kommunikation mit dem medizinischen Team ausreichen. Die Eltern informieren sich bei dem behandelnden Arzt mit Hilfe eines Dolmetschers aus ihrem Verwandtenkreis über die aussichtslose Situation ihres Sohnes, wobei der Sohn auch anwesend ist. Eine Krankenschwester türkischer Herkunft hört zufällig mit und informiert später die Ärzte, dass der Dolmetscher dem Patienten – wahrscheinlich auf Verlangen der Eltern – die Information über den zu erwartenden baldigen Tod nicht weitergegeben hat. Die Ärzte sehen in dieser Situation einen klaren Verstoß gegen „das Recht auf Wissen“ des Patienten. Mit Hilfe eines anderen Dolmetschers fragen sie den Patienten, ob er sich eine detaillierte Information über seinen aktuellen und zukünftigen Gesundheitszustand wünsche, was dieser bejaht. Daraufhin holen sie einen professionellen Übersetzer, der dem jungen Mann mitteilt, dass er möglicherweise in Kürze sterben werde. Nach zwei Tagen erleidet der Patient den Tod. Die Ärzte werden später von den Eltern beschuldigt, am Tod ihres Kindes verantwortlich zu sein. Sie hätten durch ihre Aufklärung zur Verschlechterung des Krankheitszustandes beigetragen und somit den schnellen Tod ihres Kindes hervorgerufen.

Arbeitsfragen

  • Wie beurteilen Sie die Vorwürfe der Eltern?
  • Wie soll das medizinethische Prinzip „Recht auf Wissen“ bzw. „Recht auf Nichtwissen“ in einer wertpluralen Gesellschaft ethisch angemessen angewandt werden?
  • Sollten in diesem Fall die Ärzte vor der Aufklärung des Patienten auch die Zustimmung der Eltern holen? Warum?
  • Was wäre die ideale ärztlich-pflegerische Verhaltensweise in diesem Fall?
  • Kann in so einem Fall ein Vermittler (angesehene Person im Bekanntenkreis, Imam etc.) zur Lösung des Interessenkonflikts beitragen?

Literatur

  • Ilkilic, Ilhan: Der muslimische Patient. Medizinethische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft, Münster 2002, S. 91-180.
  • Ilkilic, Ilhan: Patientenautonomie und der muslimische Patient in einer wertpluralen Gesellschaft. In: Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Bd. 37, 2001, S. 510-521.
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Fallbeispiele

Fallbeispiele zeigen den Praxisbezug auf

Durchführung und Förderung
Universitt Mainz
Bundesministerium für Forschung und Bildung
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