Fallbeispiel Das beste Interesse des Kindes am Lebensende

Fallbeschreibung

Das sechs Tage alte Kind türkisch-muslimischer Eltern leidet an einem Oto-palato-digitalen Syndrom (OPD) Typ II, das eine sehr seltene, genetisch bedingte Erkrankung mit schweren Organanomalien ist. Das Kind hat schwere knöcherne Deformitäten, die zu einer Thoraxdysplasie mit Lungenhypoplasie führen und das Ausmaß der Lungenhypoplasie ist mit dem Leben nicht vereinbar. Das Kind hat weitere schwere Organanomalien, so dass es ohne maschinelle Unterschützung nicht lebensfähig ist. Auch mit dem Einsatz von Geräten – insbesondere mit dem Einsatz eines Beatmungsgerätes – kann das Kind nur sehr kurze Zeit am Leben erhalten werden. Die Eltern des Kindes sind türkischer Herkunft und Verwandte 3. Grades. Dieses Kind ist nach drei Aborten der erste lebende Sohn der Familie.

Es findet mit Hilfe einer Dolmetscherin aus dem Verwandtenkreis der Eltern ein Gespräch statt. Das medizinische Team schlägt in diesem Gespräch vor, nicht erforderliche Therapien zu beenden bzw. nicht wieder neu zu beginnen. Da das Kind keine Lebenschance hat, soll unnötiges Leid vermieden werden. Die Eltern wünschen sich jedoch, dass alle lebensverlängernden Maßnahmen für ihr Kind weitergeführt werden sollen, auch wenn es nur um Lebensverlängerung und nicht Behandlung des Kindes geht. Sie betonen im Gespräch, dass nach islamischem Glauben Gott das Leben dem Menschen gibt und nur Er kann es nehmen. Die Menschen sind deswegen dazu verpflichtet, das Leben mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, zu verlängern. Eine andere Entscheidung würden die Eltern im Jenseits vor Gott nicht verantworten können.

Arbeitsfragen

  • Wie beurteilen Sie den Interessen- und Entscheidungskonflikt zwischen dem medizinischem Team und den Eltern des Kindes?
  • Wie soll dieser religiös begründete Wunsch der Eltern in die Therapiezieländerung integriert werden?
  • Wie kann die religiös bedingte Entscheidung der Eltern und „das beste Interesse des Kindes“ in einer wertpluralen Gesellschaft gegenseitig abgewogen werden?

Literatur

  • Ilkilic, Ilhan: Wann endet das menschliche Leben? Das muslimische Todesverständnis und seine medizinethischen Implikationen. In: U. H. J. Körtner et al. (Hrsg.): Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen. Beiträge zu einer interkulturellen Medizinethik. Neukirchen-Vlyun 2006, S. 165-182.
  • Ilkilic, Ilhan: Ein muslimisches Kind in einem deutschen Krankenhaus. In: H.-M. Sass u. A. T. May (Hrsg.): Behandlungsgebot oder Behandlungsverzicht, Klinisch-ethische Epikrisen zu ärztlichen Entscheidungskonflikten. Münster, London 2004, S. 43-53.
  • Rey-Stocker, I.: Anfang und Ende des menschlichen Lebens aus der Sicht der Medizin und der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Basel: Karger, 2006.
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Fallbeispiele

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Durchführung und Förderung
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